in Toronto
Dazu gibt es keine eindeutige Antwort. Aber eigene Erfahrungen von Fremdheit und Ausgrenzung sind sicherlich eine Motivation. An der Seite ausländischer Ehepartner erlebte ich zudem hautnah, was es bedeutet, Ausländer in Deutschland und Europa zu sein und als Nicht-Europäer oder als Angehöriger muslimischen Glaubens in der „weißen Welt“ zu leben. Diskriminierung durch europäische Überheblichkeit, Chauvinismus, kolonialistisches Denken und Rassismus gehören leider zu alltäglichen Erfahrungen von Einwanderern in der reicheren Welt. Ähnliches erdulden auch solche Personen, die Minderheiten angehören oder deren Lebensstil neben ihrer sichtbaren Armut nicht den gängigen Vorstellungen und Normen entspricht. Diskriminierung erleben in Deutschland auch Deutsche, nicht nur Schwule und Lesben, Roma und Sinti oder Arme, sondern auch Frauen, insbesondere solche, die einen Ausländer dunkler Hautfarbe oder muslimischer Herkunft heirateten. Sowohl als Frau eines Palästinensers als auch an der Seite eines Portugiesen habe ich teilweise unglaubliche Erfahrungen von Diskriminierung erlebt.

Gleichzeitig konnte ich auch erleben, wie rasch Einheimische und Einwanderer Kulturalisierungstendenzen und Vorurteilen folgen, wie Einwanderer im Laufe der Jahre in der neuen Heimat immer mehr zu Fremden werden. Beide Entwicklungen, die Ablehnung und teilweise Diskriminierung von Ausländern durch die Aufnahmegesellschaft und schließlich die Gegenreaktion, nämlich die Ablehnung der Menschen und ihrer Kultur durch die Einwanderer und ihre wachsende einseitige Wahrnehmung der menschlichen, kulturellen und politischen Verhältnisse im Einwanderungsland, sind schädliche Einflüsse für das zukünftige Zusammenleben und können sich in Krisensituationen zu gefährlichen Aggressionen entwickeln.

Ausländerfeindlichkeit
Dies fand ich morgens vor der Tür der Vereinsräume der IAF, 80er Jahre

Alltägliche Demütigungen, verbunden mit strukturellen vom Gesetzgeber festgelegten Ausgrenzungen, veranlassten mich deshalb 1971, den Verein (IAF) "Interessengemeinschaft der mit Ausländern verheirateten Frauen – Verband binationaler Familien und Partnerschaften" ins Leben zu rufen. Ich gewann viele Mitstreiterinnen; die IAF wurde eine erfolgreiche große Nichtregierungsorganisation und Interessenvertretung von binationalen Familien und Partnerschaften. Ich wollte mich damals wehren, mich und meine Familie nicht länger diskriminieren lassen. Das Engagement gegen die Benachteiligungen von Emigranten und Flüchtlingen und der beharrliche Einsatz für die Gleichberechtigung von Frauen sind für mich Bestandteil dieser politischen Arbeit.

IAF 8oger Jahre
Treffen mit Frauen in der IAF, 80er Jahre

Es wurde immer wichtiger, Fachkompetenzen zu erwerben, um das politische Engagement zu qualifizieren. Deshalb habe ich als Erwachsene Jura studiert und mich in entsprechenden Rechtsfragen, vor allem dem Internationalen Recht, im Verfassungs- und Verwaltungsrecht, hier insbesondere im Ausländer- und Asylrecht, dessen Reform jahrzehntelang zur Diskussion stand, besonders qualifiziert. Auch Fragen des Internationalen Privatrechts fanden mein großes Interesse. Da Selbsthilfe auch gegenseitige Beratung beinhaltet, war eine zusätzliche Ausbildung in "Intercultural counseling und Therapy" hilfreich. Dabei entdeckte ich im Lauf der Zeit die Bedeutung von interkultureller Kommunikation und interkulturellem Lernen, Themen, die mich bis heute beschäftigen. In den letzten zehn Jahren habe ich neben meinen beruflichen Aufgaben Seminare für Polizei, Mitarbeiter in der öffentlichen Verwaltung und Führungskräfte in der Industrie durchgeführt.